Zwölfte Nacht oder Was ihr wollt

von William Shakespeare

 

Dieser Text wurde für das Programmheft anlässlich unseres Silberjubiläums 1998 geschrieben.

 

Was für ein Land, mein Freund, ist das?”

fragt in William Shakespeares Zwölfte Nacht oder Was Ihr Wollt  Viola den (wie sie glaubt) außer ihr einzigen Überlebenden des Schiffbruchs, der ihren Zwillingsbruder anscheinend das Leben gekostet hat. Heute abend präsentieren wir Ihnen diesen Satz ganz unbefangen, aber zu Unrecht, als den ersten dieser Komödie: Ginge es nämlich nach der Szenenfolge, wie sie der große englische Barde selbst vorgesehen hat, so würden Sie statt der Frage eine Aufforderung hören: “Wenn die Musik die Liebe nährt, spielt weiter!” gebietet Herzog Orsino in seiner ersten Szene, die im Original auch das Stück eröffnet, in der Brühler Fassung aber (und nicht nur dort) auf den zweiten Rang verwiesen wurde. Beide Sätze sind zwar angemessene Auftakte für eine Handlung, die in einer fremden, lyrischen Welt stattfindet. Violas Frage war jedoch auch ganz programmatisch für die Probenarbeit bei dieser Produktion. “Was für ein Text, mein Gott, ist DAS?” war die erste (wenn auch nicht explizit formulierte) Reaktion mancher Darsteller nach der ersten Leseprobe mit der Übersetzung Erich Frieds. Shakespeares bildreiche, poetische Sprache war auch in deutscher Übersetzung für uns ein fremdes Land, das es zu erforschen, vielleicht sogar gewaltsam zu erobern galt. Ob diese Expedition schließlich zu einem Ziel führen würde, oder ob man nicht Gefahr lief, sich im Dickicht der Verse zu verrennen – darüber waren wir uns anfangs noch nicht ganz einig. Eine neue Kartographie in Form einer eigenen Übersetzung sollte das Unternehmen erleichtern: Schließlich schickten auch die europäischen Conquistadores vor etwa 500 Jahren bei der Erkundung der Neuen Welt leichte Stoßtrupps vor, bevor der ganze Troß mit Sack und Pack nachzog!

Die Entscheidung erwies sich bei den Proben als die richtige. Nachdem nun die unwegsamsten Pfade mehr oder weniger behutsam begradigt worden waren, fanden die Spieler genügend Freiraum für eigene Erkundungen. Oft genug hatten wir Gelegenheit, ein wenig zu verweilen um die “Landschaft” genauer unter die Lupe zu nehmen. Nicht immer waren wir uns darüber im Klaren, ob eine dabei neu gemachte Entdeckung das Mitnehmen lohnte. Manches wurde zunächst eingepackt, später dann aber doch verworfen. Für anderes, was zunächst liegen geblieben war, kehrten wir schließlich doch noch einmal um, um es aufzunehmen.

Auch Pfadfindereien, die aus purer Neugier angegangen werden, sind niemals Selbstzweck: Stets hat ein solches Unternehmen Gönner und Sponsoren, die sich von dem Ergebnis reichen Ertrag versprechen. So heißt es dann für alle Abenteurer früher oder später Abschied nehmen von dem fremden Paradies, um in die Heimat zurückzukehren, und dort über das Erreichte Rechenschaft abzulegen. Zu Shakespeares Lebzeiten wussten Seefahrer nach der Rückkehr von Reisen in ferne Kontinente geradezu Unglaubliches zu berichten. Ihre Zuhörer nahmen die Geschichten begierig, wenn auch manchmal etwas zweifelnd auf. Ob es uns gelungen ist, Sie – unser Publikum – mit unserem “Bericht” in Form einer Aufführung ebenso zu unterhalten? Das eine oder andere Detail dieser dramatischen Erzählung mag ihnen vielleicht dann und wann als an den Haaren herbeigezogen erschienen sein, echtes Seemannsgarn, eben. Womöglich war auch hin und wieder ein Schluck schales Brackwasser oder ein Bissen allzu trockener Schiffszwieback darunter. Wenn Ihnen der kleine Ausflug, auf den wir Sie mitgenommen haben, dennoch Lust auf Meer – pardon: mehr – gemacht haben sollte, sind all diese hardships (um mit Zeilen des Schlussliedes von Feste, dem Narren aus der Komödie zu sprechen) einerlei: Unser Spiel ist zwar vorbei,

“… doch wir woll’n euch gefallen jederzeit!”

 

Titel der Produktion:  Zwölfte Nacht oder Was Ihr Wollt
Regie:  Andreas Schlenger
Regieassistenz:
Darsteller:
Musik:
Kostüme und Requisiten:
Bühnenbild:
Plakat und Programm:
Maske:
Beleuchtung:
Tontechnik:
Premiere:

 

 

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